Das italienische Gesetz (in italienischer Sprache)
Weniger Schwangerschaftsabbrüche
Aufruhr um die Abtreibungspille
In Italien gilt seit 1978 eine Fristenregelung. 1981 wurde
die Gesetzesrevision in einer denkwürdigen Volksabstimmung mit 68%
Ja-Stimmen bestätigt. Doch die Diskussion über das neue Gesetz ist nie zur
Ruhe gekommen. Immer wieder werden aus dem konservativen Lager
Einschränkungen beantragt und von den linken Parteien kategorisch
zurückgewiesen.
Die Auseinandersetzung um RU 486 hat die Debatte neu entflammt.
Im Jahr 2005 beantragte der Gesundheitsminister der Regierung Berlusconi, Storace, freiwillige Mitarbeiter der anti-Abtreibungs-Organisationen seien zur Beratung der Frauen in den staatlichen Beratungsstellen beizuziehen - es müsse mehr getan werden, um Schwangerschaftsabbrüche zu
verhindern...
Die linken Parteien, die Ärzteschaft, die progressiveren Regionen
bezeichneten diese Idee als unsinnig, vielmehr verlangten sie
Sexualerziehung an den Schulen, Information für die Immigrantinnen,
kostenlose Verhütungsmittel...
Am 31. Januar 2006 hat die Kommission für soziale Fragen der grossen Kammer des Parlamentes den Schlussbericht einer Untersuchung über das Funktionieren des Gesetzes 194 betr. die Abtreibung gutgeheissen. Die Untersuchung wurde auf Verlangen der Mitte-Rechts-Mehrheit gegen den Widerstand der Opposition durchgeführt. Sie hat nichts Neues aufgedeckt sondern bestätigt, was man bereits wusste: die Beratungsstellen verfügen über zu wenig Ressourcen und Finanzen, um ihrer Aufgabe im Bereich der Prävention gerecht werden zu können.
In Tat und Wahrheit gehört Italien zu den Ländern mit
niedriger Abtreibungsrate (10,3 auf 1000 15-44-jährige Frauen im Jahr
2008). Die Zahl der registrierten Schwangerschaftsabbrüche
hat seit 1983 deutlich
abgenommen. 1982 erreichte sie ein Maximum von 234'800. Im Jahr 2007
waren es 126'562, im vergangenen Jahr 2008 121'406, ein Rückgang um 48,3%
gegenüber 1982.
siehe Grafik
Die Tendenz ist weiter sinkend: 116'933 im Jahr 2009
Eine wissenschaftliche Untersuchung zeigt die
Gründe dieser Entwicklung auf: Vor
allem jüngere Frauen verwenden mehr und mehr sichere Verhütungsmittel. Die
Zahl der ungeplanten Schwangerschaften und Geburten hat in den 90er Jahren
gegenüber 10 Jahren zuvor massiv abgenommen. Bei Frauen unter 30 Jahren
hat sie sich halbiert.
(Planned and unplanned births and conceptions in Italy 1970-1995. Maria
Castiglioni et al.)
Wie andere europäische Länder ist auch Italien mit einem neuen Problem konfrontiert: Die Zuwanderung hat stark zugenommen, und Migrantinnen (aus Osteuropa, Afrika, Lateinamerika, Asien) haben eine markant höhere (3-5fache) Abortrate als einheimische Frauen. Ein Drittel der Abbrüche (gegen 40'000) betreffen Ausländerinnen, während ihr Anteil an der weiblichen Bevölkerung wesentlich geringer ist!
Nahezu 70% der Gynäkologen verweigern aus Gewissensgründen die Mitwirkung
an Schwangerschaftsabbrüchen, in gewissen Regionen über 80%, so dass
Frauen dort kaum Zugang zu dieser Dienstleistung haben oder nur mit langen
Wartezeiten. Daher gibt es immer noch schätzungsweise jährlich 15'000
heimliche Abtreibungen, vor allem im Süden des Landes. Es kommt vor, dass
Ärzte, die sich in den Spitälern aus "Gewissensgründen" weigern, in ihren
Praxen gegen gutes Geld solche Eingriffe vornehmen...
Quelle:
Relazione 2009 del Ministero della salute al
Parlamento sull'interruzione di gravidanza
In fast allen westeuropäischen Ländern ist die Abtreibungspille Mifegyne seit 2000 zugelassen. Der Vatikan und die italienischen Bischöfe laufen seit langem gegen RU 486 Sturm und machen ihren Einfluss bei der Regierung gegen eine Zulassung in Italien geltend. Daher hat die französische Herstellerfirma Exelgyn lange darauf verzichtet, die Registrierung des Medikamentes in Italien zu beantragen.
Am 10. November 2007 wurde das Zulassungsgesuch endlich bei der italienischen Behörde eingereicht. Am 30. Juli 2009, nach über 1½ Jahren, hat die Arzneimittelbehörde Aifa dem Gesuch zugestimmt. Nach weiteren Blockade-Manövern, die die Einführung des Medikamentes nochmals verzögert haben, ist Mifegyne in den öffentlichen Spitälern Italiens nun ab April 2010 endlich erhältlich.
Dank dem engagierten Arzt Silvio Viale wurde im September 2005 am Turiner
Spital Sant'Anna im Piemont eine Versuchsreihe eingeleitet. Nach kurzem Unterbruch
- wegen des Einschreitens des konservativen
Gesundheitsministers der Regierung Berlusconi, Storace - wurde sie im November weitergeführt,
allerdings mit der Auflage, dass die Frauen drei Tage hospitalisiert
werden müssen. Der Versuch wurde im September 2006 wegen politisch
motivierten Interventionen erneut abgebrochen, nachdem 362 Frauen mit
Mifegyne ihre Schwangerschaft beendet hatten. Andere Regionen
und Spitäler sind dem Beispiel des Piemont gefolgt: Ligurien, Lombardei, Umbrien, Latium, Kampanien wollten ebenfalls Versuchsreihen starten.
Ein Spital in der Toskana ist - mit Unterstützung des
regionalen Gesundheitsdirektors - kurzerhand dazu
übergegangen, Mifegyne direkt aus Frankreich zu beziehen, gestützt auf ein
Dekret aus dem Jahr 1997, welches es den Ärzten gestattet, ein in Italien
nicht registriertes Medikament direkt zu importieren, wenn sie es für die
Gesundheit ihrer Patienten für notwendig halten. Zu Recht wiesen die
Ärzte darauf hin,
dass weitere Versuchsreihen unnötig sind: Das Medikament ist millionenfach
erprobt und von der EU-Behörde seit 1999 zugelassen.
Der Gesundheitsminister der ersten Regierung Berlusconi, Storace, versuchte, den Direktimport zu
stoppen, die Toskana machte jedoch weiter und die Regionen Emilia-Romagna
und Apulien begannen ebenfalls damit. Die
Gesundheitsministerin der Regierung Prodi, Livia Turco, machte den Weg frei
für RU 486. Die neue Regierung Berlusconi machte wieder Obstruktion...
Ab April 2010 ist Mifegyne nun in den italienischen Spitälern erhältlich. Aber die Regierung hat vorgeschrieben, dass die Frauen von der Einnahme von Mifegyne bis zur Ausstossung der Frucht (in der Regel 3 Tage später - es kann aber auch länger dauern) im Spital bleiben müssen. Das ist völliger Unsinn. Allerdings können die Frauen das Spital verlassen, wenn sie unterschreiben, dass sie das auf eigene Verantwortung tun.